Laotse: Moral und Sitte

Hohe und niedere Formen sittlichen Wirkens

Wer aus dem Allgrund seiner Seele lebt wird sich dessen nicht bewusst.

Wer aus dem Allgrund seiner Seele lebt wird sich dessen nicht bewusst, darum quellen die innersten Kräfte unmittelbar aus ihm.

Wer aus einem Teilbereich seiner Seele lebt, möchte zwar von Innen her wirken, kann es aber nicht, die innersten Kräfte quellen nicht aus ihm.

Wer aus dem Allgrund seiner Seele lebt wird sich seines Tuns bewusst, er kennt kein eigenwilliges Wirken.

Wer aus einem Teilbereich seiner Seele lebt, handelt ichhaft, er fragt stets nach Sinn und Zweck.

Liebe drängt zwar zum Handeln, aber sucht nichts für sich.

Gerechtigkeit drängt auch zum Tun, fordert aber Geltung.

Bloße Moral muss ebenfalls wirken,

folgt man der öffentlichen Meinung nicht, zwingt sie einen dazu.

Darum erkenne:

Wer nicht mehr im Unergründlichen gründen kann,

der lebe aus seines Herzen Ursprünglichkeit.

Wer seines Herzen Ursprünglichkeit verlor,

der lebe aus der Liebe.

Wer nicht mehr liebend zu leben vermag,

der handle wenigstens gerecht.

Wer selbst dies nicht mehr kann,

der lasse sich von Brauchtum und Sitte bändigen.

Das Abhängigwerden von der öffentlichen Moral ist aber die unterste Stufe der Sittlichkeit, schon Ausdruck des Zerfalls. Wer dann noch glaubt durch Verstandesbildung einen Ausgleich für die Herzensbildung schaffen zu können, der ist ein Tor.

Darum merke dir:

Der echte Mensch folgt seinem innersten Gesetz und keinem äußeren Gebot, er hält sich an den Quell und nicht an die Abwässer, er meidet diese und sucht immer das Ursprüngliche.

Tao Te Ching – Laotse

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Eine Antwort zu Laotse: Moral und Sitte

  1. Volksbeauftragte schreibt:

    Ein Freund schrieb per Email:

    Ich bin deinem Link https://bladaktiv.wordpress.com/ gefolgt und den Absatz von Laotse gelesen. Worauf ich dann im Wikipedia über Daodejing gelesen habe und einen sehr interessanten Absatz über das Wu Wei (Nicht-Handeln) gefunden habe, und ihn dir hiermit sende. Werde mich ab heute mehr mit dieser Sichtweiße beschäftigen. Sehr interessant. Danke für das Hinführen.

    Wu Wei

    Zeichen
    Pinyin
    Bedeutung




    ohne



    wéi
    zutun

    Eine Grundlage, die sich aus der Kenntnis um das Dao ergibt, ist das Nicht-Handeln (Wu Wei). Dieses Nicht-Eingreifen in allen Lebensbereichen erscheint dem westlichen Leser zunächst utopisch und weltfremd. Es beruht auf der Einsicht, dass das Dao, welches aller Dinge Ursprung und Ziel ist, von selbst zum Ausgleich aller Kräfte und damit zur optimalen Lösung drängt. Tun ist für Lǎozǐ ein (absichtliches) Abweichen vom natürlichen Gleichgewicht durch menschliche Maßlosigkeit. Jede Abweichung hat darum eine (absichtslose) Gegenbewegung zur Folge, die das gestörte Gleichgewicht wiederherzustellen sucht.

    „Die eigentliche Unabsichtlichkeit, die in ihrer Einfachheit das Rätsel ist, ist vielleicht niemals im Philosophieren so entschieden zur Grundlage aller Wahrheit des Handelns gemacht worden wie von Laotse.“

    – K. Jaspers: München 1957, S. 908

    Wessen Regierung still und unaufdringlich ist, dessen Volk ist aufrichtig und ehrlich. Wessen Regierung scharfsinnig und stramm ist, dessen Volk ist hinterlistig und unzuverlässig. Das Unglück ist’s, worauf das Glück beruht, das Glück ist es, worauf das Unglück lauert. Wer erkennt aber, dass es das Höchste ist, wenn nicht geordnet wird? Denn sonst verkehrt die Ordnung sich in Wunderlichkeiten, und das Gute verkehrt sich in Aberglaube. Und die Tage der Verblendung des Volkes dauern wahrlich lange.(58)

    Indem der Mensch tut, was spontan den natürlichen Gegebenheiten entspricht, greift er nicht in das Wirken des Dao ein und wählt damit den segensreichen Weg. Ein Mensch, so Lǎozǐ, der von gewolltem Tun ablässt, wird nachgiebig und weich. Er stellt sich an die unterste Stelle und erlangt dadurch den ersten Platz. Weil er weich und biegsam ist wie ein junger Baum, überlebt er die Stürme der Zeit. Weil er nicht streitet, kann niemand mit ihm streiten.(66) Auf diesem Wege lebt ein Mensch in Übereinstimmung mit dem Ursprung des Lebens. Doch das Leben schließt auch den Tod in sich ein. Und doch heißt es bei Lǎozǐ, wer gut das Leben zu führen weiß habe keine sterbliche Stelle.(50)

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